Kreinitzer Spaziergänge

Kreinitzer Spaziergänge


von Dorothea Körnig

Inmitten von Feldern von Wiesen umsäumt,
am Ufer der Elbe - ist das denn geträumt?
Hoch ragt dort der Kirchturm schon Jahrhunderte lang
grüßt er Schiffer und Wand´rer auf ihrem Gang.

Das Wasser, es gleitet wie Silber vorbei.
Und gibt es Gewitter, dann ähnelt es Blei.
Spielt die Sonne im Strome, ob abends, ob früh,
nehm´ ich auf diese Bilder, vergesse sie nie!

Und dann diese Stille, die ich hören kann!
Sie dringt ins Gemüt und spornet mich an.
Am Ufer ruh´n Enten, im Schnattern verbunden,
stolz kreist der Milan, Stunden um Stunden.

Ich steh im Busche, der einem Dome gleicht
in Würde und Schönheit, ringsum kaum erreicht.
Dort steht ja der Storch am Ufer der Graue
äugt wachsam umher, bis hinüber zur Aue.

Wo Vögel zwitschern und brüten im Baum,
da hat alles Leben den besonderen Raum.
Wie reich sind doch alle, die zu Hause hier sind,
jeder müsste es fühlen, ob Eltern, ob Kind!

Nun steig´ ich in´s Dörfchen zum Dorfkern hinauf,
verfolg´ in Gedanken der Jahrhunderte Lauf.
Seh´ die Kirche zerstöret von Wasser und Eis,
seh´ verschwemmen die Gräber, die keiner mehr weiß.

Da unten am Ufer die Schiffsmühle stand.
Ein wenig talwärts ich den Fährkahn fand.
Doch der Gruß eines Kindes bringt schnell mich zurück:
"Was steht auf dem Stein?" sagt´s mit fragendem Blick.

Die Antwort kam, leise und bedacht:
"Da war mal ein Krieg, von Menschen gemacht.
Ein Krieg, das heißt Schießen und Brennen und Not,
für unschuldige Menschen Tränen und Tod."

Der braune Wahnsinn tobte fast sechs Jahr´,
als die Zeit der Elbebegegnung war.
Die helfenden Truppen aus Amerika
trafen hier auf die Russen, und Hoffnung war da!

Im Stein eingemeißelt steht kein Wort von Sieg,
jedoch der mahnende Satz: "Nie wieder Krieg".
Das Kind springt fröhlich um diese Stätte,
als ob es alles verstanden hätte.

Dann treffe ich Frauen und Männer beim Reden.
Man lacht, trinkt ein Bier - eine Freude für jeden.
Die Kinder spielen, singen und schrei´n.
Wie könnte der Abend geruhvoller sein?

Und unsere Kirche strahlt hell und schön,
es lohnt sich gewiss, sie von innen zu seh´n!
Viele fleißige Hände, lange Jahre am Werke,
zeigten am Ergebnis der Gemeinschaft Stärke.

Die "Alte Schule" am Friedhofsrand
ist hier schon dreihundert Jahre bekannt.
Dort die "Neue Schule", früher ward sie zu klein.
Sie wurde erweitert aus Glas und Stein.

Da war Lehrer Nestmann, der Helfer der Armen.
33 hatten die "Braunen" mit ihm kein Erbarmen!
Als mit guten Wünschen er die "Großen" entließ,
die prügelnde Horde ihn aus der Schule verstieß!

Doch mit guten Gedanken geht jeder zurück:
Die Schulzeit ist ja ein Stückchen vom Glück!
Wir wollen nicht, dass das jemand zerstört:
Die Kirche wie die Schule ins Dorf gehört.

Noch weiter draußen hört man fröhlichen Laut,
das kommt von dem Sportplatz, den die Sportler gebaut.
Bald lud zur Einkehr auch das "Sportlerheim" ein,
wenige Jahre darauf musst´ eine Halle sein.

Hörst du auf dem Spielplatz das lachende Leben?
Wie in der Kegelbahn alle nach Punkten streben?
Siehst du sie bolzen auf des Rasens Grün?
Und am Himmel die Pfeile der Wildgänse zieh´n?

Es gab da einen, "Bannig" genannt,
der als Sportler ringsum viele Helfer fand.
Er war nicht nur Motor, er fasste stets an,
er hieß Werner Dietrich, das war unser Mann!

Am Ende des Dorfes, noch manchem bekannt,
am alten Wohnhaus die Windmühle stand.
Sie trotzte lange Regen und Wurm,
bis sie eines Tages gefällt ward vom Sturm.

Etwas höher gelegen, am dunklen Kiefernwald
grüßen des Schäfers Gebäude, schon viele Jahre alt.
Das anheimelnde Blöken lockt immer mich an,
will streicheln die Tiere so oft ich noch kann.

Auch Ziegel man brannte aus heimischem Lehm,
von einer Ziegelei jedoch ist nichts mehr zu seh´n.
Dem Schafstall mit Gebäuden und der Ziegelei daneben
hatte man den Namen "Vorwerk" gegeben.

Fragt man nach den Menschen aus frühen Tagen,
die hierher kamen mit Tieren und Wagen:
Man grub aus Pokale von Ton gemacht,
auch ein Totenfeuer war daneben entfacht.

Sie hießen Burgunder, vom Rhein her sie zogen,
sie suchten sich Heimstatt am Elbebogen.
Hier gab es Wasser und Fische und Wild
und sonst noch manches, was Hunger stillt.

Später auch die Slawen kamen,
die hier ihre Wohnung nahmen!
Sachsenkönig Heinrich dann
rückte mit Soldaten an.

Und die Slawen duckten sich,
das war oft schon fürchterlich.
Doch so mit den Jahren
fand man sich zu Paaren.

Wer's nicht glaubt, der schau' sich an,
muss sich recht lange betrachten.
Zweifellos erfährt man dann,
was unsere Altvorderen so Hübsches aus sich machten.

Mein Weg führt mich weiter zum südöstlichen Rand,
wo vor fast tausend Jahren ein Herrensitz stand.
Die "Alte Burg" ward zuvor vom Wasser zerstört,
auch könnt' es vom Krieg sein, - von Namen der Besitzer hat niemand gehört.

Ein "miles de crinitz" wird nur genannt,
das heißt: "Ritter von Kreinitz", aus der Urkund' bekannt.
Erneut verdorben von der Wasserflut
wurde weiter landeinwärts neu erbaut das Gut.

Auf zerfall'nem Gemäuer eines Klosterbaus
entstand im Frondienst das herrschaftlich' Haus.
Im 18. Jahrhundert das Schloss ward errichtet,
in klassischer Schönheit, von Krubsacius "erdichtet".

Geh´ dann ich nach Osten, ohne mich zu schonen,
winken Kastanien von weitem mit mächtigen Kronen.
Hier find´ ich die Grabstatt der Rittergutsherrn,
hier war auch der Weinberg, dem Orte nicht fern.

Und am Zugang des Dörfchens ist die Viehzucht zuhaus’.
Keiner hat mehr die Sorge, dass die Milch uns geht aus.
Noch ein Stückchen weiter ist die Technik vereint.
Die Genossenschaft schätzt sie als wahren Freund.

Bei der Reihe der Häuser, die wir Neubauernhöfe nannten,
denk´ ich an Familien die eine Heimat hier fanden.
Eins der Häuser dann später unser Doktor bezog,
der immer half und die Krankheit abbog.

Auch an Alberts Schmiede geh´ ich vorbei
und denke zurück an so allerlei:
als er immer wieder bei Wassersnot
uns brachte hinüber zum Strehlaer Boot.

Und wie viele Male löschte er Feuerbrand
mit seinen Wehrleuten bei allen bekannt!
Wenn man ihn dann fragte: "Was kriegst du nun"?
"Das war selbstverständlich, jeder würde das tun!"

Da war noch einer, der Gutes tat,
ohne zu fragen was er davon hat!
Er hieß Arno Friedrich, ein wohltät´ger Mann,
der den Doktor vertrat, was kaum jemand kann.

Er war da bei Brüchen, Verbrennung und Tod,
half jedem menschen, der kam in Not.
Die wunden Füße der jüdischen Frau´n
salbte und verband er mit Gottvertrau´n.

Doch nun geh´ ich nochmal zur Elbe zurück
ruh aus auf der Bank, lass schweifen den Blick.
Ich seh´ in Gedanken den Birnbaum stehn.
Er hatte drei Stämme - verbogen - doch schön.

Der Sturm hat geholt ihn nach dreihundert Jahren.
Durch ihn haben wir auch vom Gutsgarten erfahren.
Jetzt lädt eine Bank zum Ausruhen ein,
vielleicht auch zu Denken, für jeden allein.

Warum ist unser Kreinitz so anziehend schön?
Darfst nicht nur die Elbe und die Landschaft seh´n!
Schau jedes Haus, jeden Garten an,
die darin wohnen haben vieles getan.

Haben freundlich gestaltet die Türen, den Zaun.
Oft fing Alt und Jung nochmal an zu bau´n.
Habt Dank für die Mühe, die galt nicht nur euch.
Sie erfreuet uns alle in unser´m Bereich!

Dank auch den Leuten, die Wege glätten,
als ob sie nichts anderes zu schaffen hätten.
Sie bauen Bänke und stellen sie hin,
für sie ist es Arbeit, auch für uns hat es Sinn.

Da hört man von weitem die Schiffsmotoren.
Keiner muss denken, nun sei die Ruhe verloren!
Die Elbe trägt ewig schon Boote und Kahn,
ob mit Netz, Ruder, Segel, hat sie den Menschen Gutes getan!

Doch gab´s auch Gefahren, die Not brachten und Leid
durch die Hochwasser- und Eisfahrtenzeit!
Wir dürfen nicht denken, das liegt weit zurück.
Gerade ins Heute müssen wir richten den Blick!

Nun fragt mancher sicher, wer hat das geschrieben?
Ich bin euch die Antwort schuldig geblieben.
Geht hinaus aus den Häusern, zu des Ufers Rand,
in die blühenden Wiesen am Elbestrand.
Denkt nach über Menschen, über Zeiten und Glück,
und findet euch immer zu euch selber zurück.

nach oben